Es war bei Weitem nicht das 5:1 gegen den FC Barcelona vor wenigen Wochen, das Julen Lopetegui das Genick als Trainer der Königlichen brach. Dieses Desaster im Camp Nou, es war mehr oder minder absehbar und im Endeffekt lediglich der letzte Nagel in den Sarg. Nun, rund drei Wochen später, ist Santiago Solari der Trainer der Blancos. Bekanntlich wurde er in kürzester Zeit vom Jugendtrainer – über den Umweg Interimstrainer – zum Cheftrainer von Real Madrid befördert. Diese Position wird er bis zum Juni 2021 inne halten, so sieht es zumindest der Vertrag des Argentiniers vor. Aber solch lange Amtszeiten prophezeiten auch schon die Arbeitspapiere von Julen Lopetegui, Fabio Capello oder Rafa Benitez.

Santiago Solari – der Erlöser der Blancos?

Nun, gewiss lässt sich sagen, dass die Königlichen dank Solari nicht mehr gänzlich mit dem Rücken zur Wand stehen. Sechs Siege stehen nach sieben Spielen zu Buche. Dabei stehen auf der Habenseite neben eben jenen 12 Punkten auch 19:5 Tore. Zum Vergleich: Lopetegui hatte nach seinen ersten sieben Pflichtspielen eine Bilanz von 17:7. Man will den Erfolg des Trainers weder in den Himmel heben, noch den gegnerischen Teams die Klasse absprechen, jedoch rühren diese sechs Siege, von Spielen gegen Melilla, Viktoria Pilsen, Real Valladolid, Celta Vigo, AS Rom und den FC Valencia. Dazu kommt leider noch die herbe Klatsche beim 3-0 in Eibar.

An guten – nein, an normalen Tagen spricht man hier von Pflichtaufgaben und einem Spiel gegen den FC Valencia, bei dem man in der Fangemeinde auch vom Dreier ausgeht, auch wenn der FC Valencia in den letzten Jahren immer wieder ein Stolperstein war. Lopetegui dagegen verlor in Moskau, in Alavés und daheim gegen Levante – also ja, man ist dieser Tage durchaus auch mit Siegen gegen kleinere Teams zufrieden. Aber ist das der Anspruch von Real Madrid? Und vor allen Dingen: Ist die Krise, die man Real Madrid keineswegs absprechen konnte, nun vorüber?

Mitnichten. Sie ist maximal nicht mehr akut – zumindest auf kurzfristiger Ebene. Auf dem Papier und in den von Melancholie verfolgten Köpfen vieler Fans ist der Kader weiterhin phänomenal. Luka Modric, der Weltfußballer. Sergio Ramos, der ewige Kämpfer. Marcelo, der vermeintlich beste Linksaußen seit Roberto Carlos. Für beinahe jeden Spieler der Blancos lassen sich heroische Attribute finden, doch was bringen die Taten vergangener Tage, wenn keiner der eben benannten Herren die benötigte und verlangte Klasse auf den Rasen bringen können? Auch Santiago Solari scheint die kompletten Möglichkeiten des Teams nicht abrufen zu können.

Der Kader ist des Pudels Kern

Die Ergebnisse lesen sich schwarz auf weiß erstmal recht ordentlich. Dennoch muss man im Hinterkopf behalten, dass die Gegner bis dato verhältnismäßig kleine Teams waren. Die großen Gegner kommen noch. Dennoch muss man Santiago Solari zu Gute halten, dass die lustlose Auswärtspleite in Eibar keine bleibenden mentalen Schäden hinterließ. Denn die Folgespiele gegen die Roma und den FC Valencia konnte man jeweils mit 2-0 gewinnen.

Natürlich fehlen die oft genannten 50 Tore pro Saison von Cristiano Ronaldo. Aber das ist nicht das einzige Problem. Gareth Bale beispielsweise hat diese Saison lediglich sechs Tore nach 17 Spielen erzielt. Der Waliser, der in den vergangenen Jahren immer wieder verletzt ausfiel, ist noch immer nicht wirklich in Madrid angekommen. Zudem läuft ebenfalls Marco Asensio seiner Form hinterher. Nach 20 Pflichtspielen diese Saison stehen lediglich zwei Tore und drei Assists auf der Habenseite des Spaniers. Auch seine Aussagen darüber, dass er nicht derjenige sei, der das Team tragen muss, da es dafür ältere Spieler gibt, lassen Rückschlüsse auf eine mangelnde Einstellung ziehen.

Keinesfalls sollen hier die Taten der Königlichen Legenden der Neuzeit geschmälert werden – drei Champions League Siege in Folge werden für viele Jahre unerreicht bleiben. Doch sind eben die meisten dieser Legenden in die Jahre gekommen und satt. Vom Kämpfen spricht man nach Niederlagen auf Instagram. Doch wirkt es kämpferisch, drei Elfmeter in Folge per Panenka in die Maschen zu heben? Sind die Werte, die die königlichen Stars auf den sozialen Medien oder in Interviews unermüdlich betonen auch wirklich auf dem Rasen ersichtlich? Oder schwebt nicht doch der Geschmack der Arroganz und Überheblichkeit in einem Team mit, dass sich eigentlich aus einer Krise befreien sollte?

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Aber es ist nicht alles schlecht im Moment. Santiago Solari hat das Heft souverän in die Hand genommen. Er hat Thibout Courtois zur unangefochtenen Nummer eins deklariert. Somit hat er quasi im Vorbeigehen die doch noch aktuelle Torwartdebatte ad Acta gelegt. Weiters setzt er Vertrauen in die Jugend und bringt unter Anderem Vinícius Junior regelmäßig. Dieser dankte es ihm mit dem wichtigen Führungstreffer gegen Real Valladolid. Allein die Pressekonferenz zu Beginn seiner Amtszeit macht durchaus Lust auf mehr. Hier forderte er von seinen Spielern „Cojones zu zeigen“.

Möglicherweise stellt der Rest der Saison, abgesehen vom Kampf um die Verteidigung der europäischen Krone und der Aufholjagd in La Liga, eine Abschiedstournee einiger Altmeister der Königlichen dar. Keylor Navas spielt allerspätestens seit Solari nur die zweite Geige hinter Thibaut Courtois und kann damit nicht zufrieden sein. Luka Modric, so sehr der kroatische Mozart imponiert hat, wird nicht jünger und wurde bereits diesen Sommer mit Inter Mailand in Verbindung gebracht. Marcelo kämpfte dieses Jahr sowohl mit muskulären Problemen als auch mit einem stark nach unten zeigendem Formpfeil – und Wechselgerüchten zu Juventus Turin.

Im Gegenzug drängte sich Eden Hazard den Königlichen in der Vergangenheit nahezu auf. Der Umbruch begann diesen Sommer mit dem Abgang von Cristiano Ronaldo – und er wird im Winter und dem kommenden Sommer sicherlich nicht beendet sein. Auch Rodrygo – der Brasilianer steht quasi bereits in den Diensten der Königlichen – könnte im kommenden Sommer fest nach Madrid wechseln, sofern er nicht weiterverliehen wird. Es bleibt also abzuwarten, was die Saison noch bringen wird. Nur darf man sich weder als Fan noch als Offizieller an der Concha Espina von Erfolgen der Vergangenheit blenden lassen. Denn die Konkurrenz schläft nie. Auch wenn die Liga mit lediglich fünf Punkten Rückstand auf den FC Barcelona noch immer offen ist.

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