Stefan Kohfahl ist bereits seit 2014 Konzeptgeber der internationalen Fußballschulen der Königlichen. Dabei geht es in erster Linie um das vermitteln der Werte Real Madrids. Im Exklusivinterview mit EquipoBlanco.de sprach der Deutsche über seinen Job, die Jugendarbeit der Königlichen sowie den langen aber durchaus erfolgreichen Weg des Dani Carvajal.

EquipoBlanco.de: Seit 2014 stehen Sie für Real Madrid zur Verfügung. Wie kam der Kontakt zu Stande?

Stefan Kohfahl: Ich habe als Sportwissenschaftler, langjähriger Trainer und als Fußballschulen-Manager mit über 15 Jahren Erfahrung ein Konzept für eine Fußballschule der neuen Art entwickelt. Der Fokus sollte Fußball sein, die Kids sollten nach den neuesten Standards mit der aktuellsten Technik trainiert werden. Fußballschule fernab der Marketing-Abteilungen, der Fangewinnung und Markenbildung.

EB: Zunächst haben Sie sich mit José Ángel Sánchez getroffen, einem studierten Philosophen. Wie darf man sich ein Treffen mit einem solchen hohen Vertreter des Vereins vorstellen?

SK: Ich habe mein Konzept bei vielen europäischen Top-Vereinen angeboten. Die Resonanz war überragend, insofern haben sich die Vereine schon etwas Mühe gegeben und bei den Treffen waren meist hochrangige Vereinsvertreter beteiligt. Das hatte ich bei Real Madrid nicht vorausgesetzt und war positiv überrascht. José Angel Sanchez ist eine absolute Persönlichkeit, hat meine Vision geteilt und beim Abschied gesagt: „Du bleibst bei uns und wir machen das in ganz Europa!“ Dann hat er mich noch gefragt, ob ich verstehe „wie groß Real Madrid ist!“ In dem Moment hat er mich schon abholen lassen und Santi Solari hat mich über das Trainingsgelände in Valdebebas geführt. Das Ganze war absolut beeindruckend und es gab für mich kein Zurück mehr.

EB: Was genau ist Ihre Rolle bei den Königlichen?

SK: Ich bin Konzeptgeber der Fußballschule von Real Madrid und selbst verantwortlich für 8 Länder in Europa, unter anderem Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich und Großbritannien. Alleine mit diesen 8 Ländern stellen wir die größte Fußballschule in Europa. Wir sind knapp 20 Festangestellte und generieren aus einem Trainerportfolio von über 500 lizenzierten Coaches. Das alles muss bewegt und kontrolliert werden. Ich bin im regelmäßigen Turnus – fast alle 2 Wochen – in Madrid und gebe Bericht ab. Real Madrid und unser Partner Adidas sind ein Exzellenzversprechen, die Erwartungen sind hoch und müssen gehalten werden.

EB: Mit den RMCF Clinics betreuen und scouten Sie junge Spieler. Wurden bereits in den Clinics gescoutete Spieler verpflichtet?

SK: Nein, wir scorten nicht! Wir sind der Stiftung von Real Madrid unterstellt. Unsere primäre Aufgabe ist die Vermittlung von sportlichen, kulturellen und sozialen Werten. Kinder hören zu, wenn es um Real Madrid und Fußball geht, da kann man ganz viel beibringen. Dieser Verantwortung kommen wir gerne nach, bringen die beste Trainingsmethodik und tolle Trainer mit. Wenn ein Kind besser wird, freuen sich alle. Die Kids geben Vollgas bei uns im Camp, sehen das es mehr ist als eine reine Ferienfreizeit. Insofern ist das sportliche Weiterkommen ein Anreiz und eine Belohnung. Bei so viel Aufwand ist es gerechtfertigt, dass die Kids mehr als ein Schulterklopfen bekommen. Die Reise unserer Teilnehmer kann bis zum eigenen Spiel im Santiago Bernabéu gehen.

„Das Schöne ist, wenn die Gelegenheit da ist, scheut sich Real Madrid auch nicht vor einem teuren Transfer wie bei Gareth Bale oder Benzema.“

EB: 2016 lotste José Ángel Sánchez den damals 18-jährigen Marco Asensio ins Bernabéu. Wie schätzen Sie ihn ein?

SK: Ich möchte nicht über einzelne Spieler reden, das steht mir nicht zu. Ich persönlich halte den Weg, den Real Madrid in Sachen Transfers geht, für richtig. Der Einkauf von jungen Talenten ist sinnvoll, gerade bei dem Transferwahnsinn der letzten Zeit. Die Scheichs von PSG und Man City können aus dem Vollen schöpfen, kennen keine Wirtschaftlichkeitsrechnung, anders als Real Madrid. Die Geschichte von Real Madrid hat gezeigt, dass dieser Weg mit talentierten, entwicklungsfähigen Spielern erfolgreich ist.

In der aktuellen Mannschaft sind Sergio Ramos, Raphael Varane, Marcelo, Isco und Casemiro beste Beispiele. Dazu kamen intelligente Transferschnäppchen wie Marco Asensio, Luka Modric, Toni Kroos, Keylor Navas, Dani Ceballos und Thibout Courtois, wo der Transferwert weit über der gezahlten Ablöse liegt. Last but not least: Unsere Jugendabteilung ist in Sachen Durchlässigkeit in den Top-Profi-Bereich die absolute Nr.1 in Europa, was die aktuelle FIFA-Auswertung belegt.

Praxisbeispiele sind Lucas Vázquez, Dani Carvajal, Federico Federico Valverde, Mariano, Nacho, Sergio Reguilón, Luca Zidane, Kiko Casilla und Diego Llorente. Neun Spieler aus der eigenen Jugend im Profikader. Wow! Das Schöne ist, wenn die Gelegenheit da ist, scheut sich Real Madrid auch nicht vor einem teuren Transfer wie bei Gareth Bale oder Benzema.

EB: Seit jeher bringt die Castilla einige Top-Talente wie beispielsweise Dani Carvajal hervor. Wer kann Ihrer Meinung nach den langfristigen Sprung in die erste Mannschaft schaffen?

SK: Die Top-Spieler der letzten Jahre waren Federico Valverde, Achraf Hakimi und Óscar. Die werden über den zweiten Bildungsweg irgendwann dabei sein. Bei Vinicius jr. raunt jetzt schon das ganze Stadion, wenn er am Ball ist. Da hoffe ich doch sehr drauf. Eine gute Profi-Karriere traue ich auch Mario Hermosa, Alex Febas und Raúl de Tomas zu. Bis auf Vinicius muss anscheinend jeder den zweiten Bildungsweg über eine Ausleihe gehen. Aber auch das macht das Management von Real Madrid mit sehr viel Weitsicht.

EB: Praktisch seit seiner Ankunft wird Martin Ødegaard immer wieder ins Ausland verliehen. Was halten Sie von dieser Herangehensweise mit jungen Spielern? Und kann man von Ødegaard noch eine Leistungsexplosion erwarten?

SK: Martin Ødegaard ist mit 19 Jahren Stammspieler in der 1. holländischen Liga. Er ist immer noch technisch versiert, schnell, sucht das eins gegen eins. Die fehlende Robustheit und die Erfahrung holt er sich gerade auf dem vielfach erwähnten zweiten Bildungsweg. In drei Jahren wissen wir mehr.

EB: Können Sie uns ein paar U19 Spieler nennen, die Sie im Auge haben und gerne im weißen Dress sehen würden?

SK: Die U19 hat gerade einen Umbruch, Guti ist als Trainer weg und die meisten Spieler sind schon in die Castilla hochgezogen worden. Letztes Jahr schied man im Viertelfinale in der Youth League sehr unglücklich gegen Chelsea aus, unter anderem weil der deutsche Schiri Daniel Siebert einen gebrauchten Tag hatte. Da waren einige 2000er mit von der Partie, unter anderem Moha, Antonio Blanco und Victor Chust. In 3-4 Jahren wird man auch diese Namen im Profifußball als etabliert anerkennen. Im besten Fall bei Real Madrid.

EB: Welche Qualitäten bei einem jungen Spieler sind für Sie besonders hervorzuheben?

SK: Wir legen viel Wert auf Handlungsschnelligkeit und Spielintelligenz. Schnelle Entscheidungen treffen und die richtige Entscheidung treffen. Technik hat jeder, der im Jugendkader von Real Madrid steht.

EB: Dani Carvajal wurde nach Leverkusen verliehen und ist seit seiner Rückkehr nach Madrid nicht mehr aus der Stammelf wegzudenken. Wird dieses Konzept im Verein weiterverfolgt?

SK: Zum anscheinend notwendigen zweiten Bildungsweg habe ich mich ja ausführlich erklärt. Für einen 18- bis 19-jährigen ist der Druck bei Real Madrid zu spielen, schon mehr als eine Herausforderung.

EB: Seit einiger Zeit kann man Sie auf DAZN hören. Wie kam der Kontakt zu Stande?

SK: DAZN hat mich zu einer Moderationsprobe eingeladen. Nach der ersten Sendung gab es Einzelkritik für alle 11 beteiligten Redakteure. Ich kam sehr gut weg und bin seitdem im Portfolio. Meine Arbeit bei Real Madrid erlaubt mir aber nur sechs bis sieben Termine im Jahr.

„Carvajal hat gesagt, dass er bei Real Madrid mit fundamentalen Werten für das Leben ausgestatten worden ist“

EB: Einige Spieler wie Ousmane Démbele versuchen des Öfteren mit dubiosen Mitteln einen Wechsel zu erzwingen. Sehen Sie hier eine Trendwende, oder sind solche Vorkommnisse eher Einzelfälle?

SK: Sorry, aber das kann man nicht schön reden. Die Jungs fordern von den Vereinen die Einhaltung der Verträge und die Bezahlung ihrer Gehälter. Auf der anderen Seite müssen sie sich auch an Verträge halten. Dani Carvajal hat mal gesagt, dass er bei Real Madrid mit fundamentalen Werten für das Leben und seine Fußballerkarriere ausgestattet worden ist. Ich denke nicht, dass ein Spieler aus der Castilla den gleichen Weg wie Démbele wählen würde.

EB: Beim 2:1 Sieg über Viktoria Pilsen war die Startelf der Königlichen im Schnitt 29,7 Jahre alt. Hat man den Umbruch im vergangenen Sommer verpasst?

SK: Da kann ich nur als Trainer und Sportwissenschaftler argumentieren. Wenn es etwas kriselt, holt man halt die erfahrenen und etwas mehr Druck resistenten Leute ins Boot.

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