Real Madrid befindet sich in einer Krise. Auch wenn Interims-Coach Santiago Solari sein erstes Spiel mit 4:0 im norden Afrikas gewinnen konnte, bleibt die Frage offen, ob dieses Team die Wende noch aus eigener Kraft schaffen wird. Die jungen Wilden zeigten aber besonders was so manch einem Schlüsselspieler dieser Tage in Madrid fehlt.

Fußball ist ein Fehlersport

Wenn man 90 Minuten 22 Mann auf eine Wiese schickt und einen Ball rein wirft, kann man sicher sein, dass irgendjemandem ein Fehler passiert. Eine wunderschöne Facette des Sports ist die Unberechenbarkeit des Fußballs. Menschen sind keine Maschinen und jede Kombination von 11 Fußballers – plus Trainer – kann anderen Fußball produzieren. Die Faszination liegt darin, wer mit seiner Idee von Fußball erfolgreicher ist.

Fehler müssen daher akzeptiert werden. Sie müssen gar einkalkuliert sein. Jedes System, das zerbricht wenn ein Fehler passiert, ist ein schlechtes System. Formationen, Raumdeckung, Zonenpressing; egal was man sich ansieht, es hat den Zweck, den Fußballern Sicherheit zu geben. Sicherheit, wie man eine Situation löst. Aber wofür braucht man überhaupt Sicherheit im Fußball?

Die mentale Form

Jeder Pass, jedes Dribbling und sogar jeder Schuss ist ein Risiko für das eigene Tor. Wer so denkt, hat bereits verloren – und dennoch ist ein Fünkchen Wahrheit darin. Jeder Fehlpass, jedes fehlerhafte Dribbling und jeder geblockte Schuss ist nämlich in der Tat eine Chance für den Gegner einen eigenen Angriff zu starten.

Fußball ist ein Mentalsport genauso wie ein physischer Leistungssport. Wer nicht frei im Kopf ist, kann seine Leistung nicht abrufen. Talent, Technik, Physis sind immer nur so gut wie der Kopf auf den Schultern des Spielers. Am Stammtisch spricht man dann von „Form“. In der Regel haben Spieler eine ähnliche Physis ab einem gewissen Alter und haben alle Tricks in ihrem Ärmel erlernt. Was sich von Woche zu Woche oder Jahr zu Jahr unterscheidet ist mentale Form.

Trainer auch Psychologe

Darum haben besonders Trainer mit ihrem ganzen Trainerstab den meisten Einfluss auf diese Hochleistungssportler. Vertrauen, Motivation, Sicherheit sind nur ein paar Begriffe, die ein Spieler von ihnen erhalten kann. Beim Tennis nennt man den Bereich am Schläger, der ideal ist, um den Ball zu treffen, „sweet spot„. Sozusagen die „effektive Zone“.

Jene Zone hat man auch in der mentalen Anspannung. Es muss genug Anspannung im Spieler vorhanden sein, um die Dinge ernst zu nehmen. Genug Druck, um auf die berühmten 110% Leistung zu kommen. Der Ansporn der Wille, das große Ganze, kann davon stark beeinflusst werden. Die letzten Meter mit Krampf in den Beinen doch noch zu laufen, weil man in seiner Karriere auch unbedingt die Champions League einmal in den Händen halten will oder sein Land im WM Finale mit Herz vertritt.

Der Bogen kann aber auch überspannt werden. Ist der Druck zu groß, die Erwartungshaltung zu weit hergeholt und die Fokus auf die Fehler zu intensiv, klappt der Kopf zusammen. Autosuggestion ist hier ein wichtiger Faktor der positive wie negative Folgen haben kann. Ein Spieler, der permanent unter Angst steht einen Fehler zu machen ist ein Spieler der Fehler machen wird. Das Gehirn kann zwischen: „Ich will keinen Fehler machen“ und „Ich will Fehler machen“ nicht unterscheiden. Die negierenden Worte werden vom Unterbewusstsein nicht verstanden.

Junge wilde rotzfreche Typen

Das ist auch der Grund warum man auch im Fußball eine gewisse Rücksichtslosigkeit bemerkt bei jüngeren Spielern. Wie im echten Leben sind Konsequenzen von Handlungen in dieser Phase noch nicht so wichtig wie andere Dinge. Oftmals ist es auch eine gesunde Naivität vor den Dingen, die einen viele Sachen ausprobieren lassen. Kaum jemand verkörpert das momentan in Madrid so stark wie Vinicius Junior.

Der Brasilianer ist unglaubliche 18 Jahre jung und einer der ersten 2000er im Kader von Real Madrid. Es fällt jungen Spielern in der Regel leichter sich von diesen mentalen Fesseln zu befreien und unbeschwerter, unbekümmert am Rasen ihr Spiel zu spielen. Das kann oftmals auch verursachen, dass der Fokus verloren geht und mal Dinge in Situationen versucht werden, die falsch sind. Und dennoch ist ein risikofreudiges dynamisches und temporeiches Spiel – gerade dieser Tage in Madrid gesucht wie Wasser in der Wüste.

Die Entscheidungsfindung ist zwar noch nicht so ausgeprägt. Doch auch wenn man diese wie ein Talent sehr früh bereits sehr gut beherrschen kann, wächst sie in der Regel erst mit der Erfahrung. Erfahrung die nur kommen kann, wenn man in genau diesen wichtigen Situationen auf dem Rasen steht.

Alter Haudegen, der fehlende Hunger und die Angst vor dem Fehler

In Madrid hat man sehr uncharmant im Statement zur Entlassung von Lopetegui angemerkt, dass man doch acht Ballon d’Or Spieler im Kader habe. Das stimmt. Man kann aber auch umgekehrt sehen, dass dieser Kader alles erreicht hat und einen Altersschnitt von 29 Jahren beim 1:5 gegen Barcelona hatte. Hinzukommt schlechte mentale Form und Burn-Out ähnliches Verhalten bei einigen Leistungsträgern, die seit Jahren 60 Spiele – plus Turniere im Sommer – spielen. Es ist Zeit für einen Umbruch.

Der Kader braucht besonders in der Offensive jetzt Spieler die unblockiert sind und auch einfach mal Mut zum Fehler aufzeigen. Den Mut abzuschließen, auch wenn er vorbei geht. Den Mut einen Pass zu riskieren, auch wenn er abgefangen wird und den Mut ein Dribbling an die Grundlinie zu starten, auch wenn es scheitert. Der Fußball muss wieder unberechenbar werden. Es ist nun die Aufgabe des Trainers dieses Risiko zu ermöglichen, in dem man für eine taktische Absicherung sorgt und die Spieler im Kopf mental wieder befreit. Denn ohne den Mut zum Fehler, kann dieses Team keinen Erfolg haben. Und sind wir mal ehrlich: Kann es noch viel schlechter laufen als jetzt?

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