Wir blicken nach dem Hinspiel der spanischen Supercopa auf die Erkenntnisse des Spiels. In unserer Matchanalyse zerpflücken wir für euch die Taktik von Zizou und seinem Kontrahenten Ernesto Valverde.

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Barca startet mit „inverser Zizou-Taktik“

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Mit dem Abgang von Neymar tun sich bei Barcelona neue Möglichkeiten auf. Während der Brasilianer enorm offensiv ausgerichtet war und sehr selten defensiv aktiv wurde, wurde mit Deulofeu ein Mann aufgestellt, der defensiv präsenter war. Damit baute man gegen Real Madrid auf einen Balancespieler als LA. Immer wieder ließ sich der nominell im 4-3-3 aufgestellte Deulofeu nach hinten in eine Viererkette fallen. Im 4-4-2 verteidigte man mit zwei Ketten. Messi und Suarez agierten defensiv wie Stürmer und stellten höchstens Laufwege zu. Ähnlich wie Benzema und Ronaldo in der Stammelf der Blancos. In Madrid ist Bale der Balancespieler, der auf der rechten Seite ins Mittelfeld pendelt. Die Katalanen versuchen so Real Madrid mit den eigenen Waffen zu schlagen – auch wenn „BBC“ so seit einigen Monaten schon nicht mehr zusammen spielte.

Kamikaze-Taktik auf beiden Seiten – Barca steht enorm hoch

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Die Katalanen wollten direkt aufzeigen wer hier zuhause ist. Während die Intensität und die Stimmung im Spiel überhaupt nicht stimmte, wollte Valverde hier das Feld kompakt machen und die Blancos unter Druck setzen. Hinter der Abwehrkette offenbarte er aber so von Beginn an enorm viel Raum, der leider von den Blancos überhaupt nicht genutzt werden konnte. Viel zu selten konnte man insbesondere Gareth Bale richtig steil schicken. Die wenigen Male in denen es gelang, wurde er von Piqué abgelaufen. Auch hier sieht man schön den defensiv orientierten Deulofeu.

Vereinzelt halbherziges Pressing

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Hier und da versuchte man in Madrid wiederum enorm offensiv zu pressen und den Gegner in der ersten Halbzeit weit vom eigenen Tor fern zu halten. Man wollte die Katalanen zu hohen Bällen und Klärversuchen zwingen. Das gelang aber nur sehr selten. Iniesta zeigt hier die freie Anspielstation an und wird von Umtiti hoch bespielt. Beim Packing gibt es hierfür 6 Punkte für 6 umspielte Gegenspieler und fast 45 Meter Raumgewinn für die Katalanen, wenn der Ball gelingt. Mit Suarez und Messi hatten Varane und Ramos nämlich bereits zwei Gegenspieler, auf die sie Acht geben mussten.

Barcelona drängt die Blancos auf die Außen

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In Madrid wiederum agierte Zizou in seinem „neuen“ System ohne Ronaldo, dem 4-3-1-2. Dieses System wird mit drei zentralen Mittelfeldspielern gespielt. Im 4-1-2-1-2 definiert sich noch ein defensiver Mittelfeldspieler heraus, der hinter zwei zentralen agiert. Ein Zahlenspiel – aber eines mit einer wichtigen Aussage für den Mann vor der Abwehr. Diese „Raute“ von Zidane, legte den Fokus auf den Außen ausschließlich auf die Außenverteidiger, die hoch stehen mussten und die Flügel alleine beackerten.

Der Raum, der sich hier für Dani Carvajal auftut, könnte ideal genutzt werden. Leider wurde bei den Blancos diese Seitenverlagerung oftmals zu langsam gespielt. Anstatt Toni Kroos agierte hier Mateo Kovacic vor der Abwehr im Zentrum und war dort nicht in der Lage wie der Deutsche diese Räume schnell und präzise zu nutzen. Dafür hatte der Kroate unglaubliche Qualitäten in seinem Arbeitsradius und Umschaltspiel. Damit lieferte er wichtige Entlastung für sein Team und ragte als einer der besten Spieler heraus.

Ungewöhnliche Ausrichtung im Zentrum der Blancos

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Defensiv formte sich bei den Königlichen aber weiterhin ein flaches 4-4-2, das diesmal nicht durch Bale, sondern durch Isco hergestellt wurde. Der Spanier rückte an einer der vier Positionen defensiv in die Staffelung. Entweder links, rechts oder zentral rückte er ein. Auch Bale arbeitete oft, wie in alten Mustern auf der rechten Seite mit. In dieser Szene tauschte sogar Casemiro indirekt seinen Platz mit Bale.

Messi und Suarez lauern im Zwischenlinienraum und zocken beide auf einen Pass in diese Zone. Es ist eine Spezialität der Katalanen in diesen Zonen schnell und flach miteinander zu kombinieren. Weder Toni Kroos als tiefliegender Spielmacher, noch Casemiro als Abräumer wurde von Zidane allerdings hier ins defensive Mittelfeld beordert. Es war der Kroate Mateo Kovacic, der dort sein Können beweisen durfte.

Er reagierte schnell, ging oft dazwischen, entlastete die Abwehrkette und stach beim Umschalten sofort zwischen Casemiro und Kroos durch die Ketten, um den Ball nach vorne zu tragen. Eine erfrischende neue Interpretation dieser Rolle vor der Abwehr, die auch die offensive Ausrichtung deutlich machte. Mit der gelben Karte von Casemiro war die Wichtigkeit vom agilen Kovacic gegen Messi zentral ebenfalls ein wichtiger Pluspunkt.

Marcelo mit Herausforderungen in der Positionierung

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Bei den Katalanen spielte Lionel Messi nominell als Rechtsaußen in einem 4-3-3. Wir wir aber gelernt haben, war Deulofeu in einer Balancerolle auf der linken Seite immer wieder defensiver ausgerichtet. Das gab Messi viele Freiheiten, der – ähnlich wie Ronaldo – nicht mit nach hinten in eine Staffelung rückt. Immer wieder zog es ihn in seine stärkste Zone vor dem Strafraum. Das sorgte bei Marcelo für eine Situation ohne direkten Gegenspieler.

Der Brasilianer rückte somit immer wieder raus aus der Viererkette und spekulierte auf einen Ballgewinn und eine Umschaltbewegung seines Teams. Hier muss er allerdings für Ramos die Absicherung darstellen. Da sich Carvajal nicht so verhielt und mit Deulofeu einen Gegenspieler mit anderer Ausrichtung gegen sich hatte, ist unklar, ob dieses Verhalten eine Anweisung von Zidane war oder schlicht ein konstant zu offensives Stellungsspiel von Marcelo.

Außenverteidiger verteidigen hoch

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Die Ausrichtung des 4-1-2-1-2 sorgt für sehr offensive Außenverteidiger. Gegen Barcelona in diesem Spiel allerdings so zu stehen, zeigt unglaublich viel Selbstbewusstsein. Die Kamikaze-Taktik von Zizou mit sehr offenen Räumen seitlich der Innenverteidigung zeigt diese „All-In“ Taktik sehr gut. Ramos und Varane spielen zwar 2-gegen-1 mit Luis Suarez, haben aber bei Schnittstellenpässe auf Vidal oder Deulofeu weite Wege, um ihre Außenverteidiger abzusichern. Schön zu erkennen ist hier ebenfalls bei Barcelona die Rolle von Messi, der zu nahezu keinem Zeitpunkt auf dem rechten Flügel zuhause war.

Valverde schien dem Vierermittelfeld von Real Madrid damit auch etwas entgegensetzen zu wollen und die Vorteile von Messi als hängenden Mann zu nutzen. Dabei wiederum konnte Barcelona viel zu wenig die Lücken hinten Marcelo und Carvajal bespielen, die in diesem System die größten Schwachpunkte darstellten. Zizou kam so lange mit dieser Aufstellung ungeschoren davon. Gut möglich ist aber auch, dass der Franzose bewusst diesen Schwachpunkt wählte. Denn weder Vidal noch Deulofeu hätten wohl vor einem Jahr selbst darauf gewettet, dass sie in einem Clásico in der Startelf stehen würden.

Dominante Phase der Katalanen nach Anpassung

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In der zweiten Hälfte nutzte man dann die Schwächen bei den Blancos deutlicher. Hier zockt Suarez bewusst genau im aufklaffenden Loch hinter Marcelo, das wir weiter vorne angesprochen haben und sich wie ein Faden im Spiel des Brasilianers durchzog. Das Schlitzohr aus Uruguay schindete nicht nur durch eine glatte Schwalbe einen Elfmeter, sondern ist auch bekannt für seine Nase für solche Situationen. Das Zentrum der Blancos ist in dieser Szene voll mit Menschen. Die Zuckerpässe eines Xavi, werden den Blaugranas sicher schmerzlich abgehen. Er war ein Spieler, der solche Situationen ideal nutzen konnte.

Es war die Phase im Spiel als mit Cristiano Ronaldo statt Karim Benzema eine torgefährliche Aura eingewechselt wurde. Auch wenn er hier als Rechtsaußen agiert, war er mit Bale in einem Doppelsturm vorzufinden. Immer wieder tauschten sie die Positionen, ähnlich wie Kroos, Kovacic und Casemiro blieben sie aber in der generellen Struktur. Einzig Isco hatte eine völlige Freirolle und interpretierte seine Position je nach Situation.

Asensio der „Konter“ von Zizou für Valverdes Anpassung

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Das Duell der Trainer ging dann in die nächste Runde, als Zizou auf die Probleme der Außenbahn reagierte und mit Asensio mehr Stabilität einwechselte – ohne an Torgefahr zu verlieren. Kovacic machte nun Platz, da das Zentrum stabil besetzt wurde und die Katalanen den Weg über die Außen suchten. Das neue 4-4-2 orientierte sich wieder flach mit Asensio auf der rechten und Isco auf der linken Seite. In der Mitte hielten nun Casemiro und Kroos die Fäden zusammen. Über einen Traumkonter durch Isco und Ronaldo gelang dann auch das Traumtor des Portugiesen. Barcelona übernahm zwar das Zepter, konnte selbst aber aus dem Spiel nicht treffen und war nun anfälliger für diese Konter.

Eiskalter Asensio zerstört noch einmal die Gastgeber

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Mit der Hereinnahme von Vazquez für Bale war Zidane dann auf dem Weg das 2:1 über die Bühne zu bringen, ehe Ronaldo völlig zu unrecht die gelb-rote Karte für eine angebliche Schwalbe kassierte. Die Staffelung war nun mit Vazquez rechts und Asensio links gegeben, während zuerst Isco hinter Ronaldo und dann allein das Zentrum offensiv beackerte. Eben auf jener linken Seite stachen die Blancos wieder eiskalt zu, nachdem Asensio beherzt einen weiteren Konter mit einem Traumtor ins Kreuzeck vollendete.

Das Duell der Trainer ging so am Ende durch viel individuelle Klasse in seinem Team an Zinedine Zidane, der auf die Schwächen reagierte, die er zuerst selbst aufgestellt hat. Es war ein schwaches Spiel auf beiden Seiten, das dem Pflichtspiel um einen Titel in den Punkten Intensität und taktischer Finesse nicht gerecht wurde. Stattdessen sah man ein torreiches Spiel mit spektakulären Toren und skurrilen Entscheidungen des Schiedsrichters. Den Fans wird es gefallen. Für das Rückspiel wird man sich aber überlegen müssen, ob man noch einmal in so einen offenen Schlagabtausch geraten möchte.

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