Jedes Jahr beschäftigen wir uns mit dem Finanzbericht der Blancos. In der Saison 2015/16 gab es eine große Nachricht zu verkünden. Real Madrid hat zum ersten Mal seit einigen Jahren keine Nettoschulden mehr. Doch was ist überhaupt eine Nettoschuld? Hat Real Madrid nun wirklich überhaupt keine Schulden mehr bei irgendjemandem? Wir gehen der Sache für euch auf den Grund und liefern Antworten auf Anschuldigungen, denen sich wohl jeder Madridista schon einmal stellen musste: „Ihr kauft doch alles nur auf Pump!“, „Ihr seid Schulden-Macher!“ oder „Pérez pumpt euch mit Geld zu!“… Was ist dran an all den Gerüchten?

Im gesamten Artikel sind alle Beträge immer in Euro. Alle Zahlen und Angaben sind aus dem offiziellen Finanzbericht von Real Madrid. Stand: 30. Juni 2016

ZUR ANALYSE: Finanzbericht 2016

Was ist was, bei den Schulden?

Zu aller erst gibt es eine Reihe von Zahlen, die in den Medien immer wieder herumgeistern und für sehr viel Verwirrung sorgen. Hierfür packen wir mal die Bilanz aus.

Bilanz 2015/16

Nummer 1 | Die Bilanzsumme: 1,045 Milliarden

Ja, richtig gelesen. Das heißt, die Summe aller Vermögensgegenstände bzw. die Summe des Gesamtkapitals beträgt 1,045 Milliarden. Rechnet man also alles zusammen, was der Verein als Vermögensgegenstände in der Bilanz an dem Zeitpunkt stehen hat, erhält man diese Summe. Das hat natürlich noch gar nichts mit den Schulden zu tun. Wer euch also diese Zahl entgegen schmettert, spricht nicht von den Schulden des Vereins.

Nummer 2A+2B | Das Fremdkapital: 603 Millionen

Diese beiden Punkte stellen in Summe das Fremdkapital des Vereins dar. Jener Bereich in der Bilanz gibt an, welches Kapital an Gläubiger noch zurückgezahlt werden muss oder durch interne Rückstellungen noch offen ist. Wenn man einen oberflächlichen Blick auf die Bilanz von Real Madrid wirft, kann man sich dazu hinreißen lassen, dies als die „Schulden“ des Vereins zu bezeichnen. Das wäre aber viel zu einfach.

Nummer 3 | Das Eigenkapital: 442 Millionen

Ein weiterer wichtiger Wert ist das Eigenkapital. Da Real Madrid keine Aktiengesellschaft ist und weiterhin seinen Socios (Mitgliedern) gehört, wird bei Gewinnen keine Dividende ausgeschüttet und alle Gewinne nach Steuer direkt dem Eigenkapital hinzugefügt. Das ist Kapital, das man niemandem schuldet und selbst finanziert ist. Mit jedem Jahr an Gewinnen steigt somit auch das Eigenkapital. Addiert man nun das Eigenkapital und das Fremdkapital, so erhält man wieder die Bilanzsumme von 1,045 Milliarden.

Eine Dividende ist einfach gesagt jener Teil des Gewinns, den eine Aktiengesellschaft an seine beteiligten Aktionäre ausschüttet. Da Real Madrid keine Aktiengesellschaft ist, wird dies auch nicht gemacht.

Wichtig: Auch Florentino Pérez ist nicht Eigner von Real Madrid und kann keine Gewinne entnehmen.

Die Eigenkapitalquote als der Anteil des Eigenkapitals zur Bilanzsumme beträgt 42,3%. Real Madrid finanziert sich also zu diesem Prozentsatz nur über eigene, finanzielle Mittel. Viele Value-Analysten erachten eine Eigenkapitalquote von über 30% als gut an. In der Finanzwelt würde man hier also von einem absolut positiven Wert sprechen, der jedes Jahr, durch die Gewinne des Vereins, gesteigert werden konnte. Im Umkehrschluss ist Real Madrid aber auch 57,7% fremdfinanziert. Das klingt erstmal negativ, ist es aber für ein „Unternehmen“ dieser Größe nicht unbedingt. Warum? Das zeigen wir im nächsten Punkt.

Die Bereiche der Fremdkapitalseite

In welche Bereiche teilen sich diese 603 Millionen nun aber auf?

  • Rücklagen
  • Latente Steuerschulden
  • Bankschulden
  • Andere Verbindlichkeiten
  • Rechnungsabgrenzungsposten
  • Handel und andere Zahlungen

Rücklagen: 38,29 Millionen

Insgesamt hat der Verein diesen Betrag zurückgelegt für alle möglichen Eventualitäten, an die man vielleicht nicht direkt denkt. Man kann es sich als eine Art „Sicherheitspolster“ vorstellen.

Latente Steuerschulden: 30 Millionen

Nein, nein, Real Madrid schuldet dem Staat keine Steuern. Bei einem Fußballverein enden die Bilanzen am 30. Juni mitten im Sommer. Dadurch kann es passieren, dass Zahlungen, die erst im Juli getätigt werden, im Juni aufscheinen müssen. Zum Zeitpunkt des Stichtags sind diese Zahlungen noch nicht getätigt worden. Direkt einen Monat später – laut Bericht am 20. Juli 2016 – wurden diese Beträge bezahlt und sind damit nur der Momentaufnahme der Bilanz geschuldet. Man spricht auch von „verborgenen“ Steuerlasten, da diese im Prinzip keine sind.

Bankschulden: 81,90 Millionen

Ein interessantes Argument für Real Madrid-Kritiker ist auch immer, dass man in der spanischen Hauptstadt stark von den Beziehungen zu Banken profitiert und sich Stars so auf Pump gekauft hat. Das ist nicht unbedingt verkehrt, hat man doch 2009 für Kaká und Ronaldo in der Tat Bankkredite aufgenommen. Diese entsprechen in der Bilanz allerdings „nur noch“ 81,90 Millionen. Laut dem Finanzbericht will man in der Saison 2018/19 rund 42 Millionen und in der Saison 2020/21 den Rest von fast 40 Millionen zurückzahlen.

Andere Verbindlichkeiten: 153,4 Millionen

Man schuldet aber auch Lieferanten und anderen Vereinen Geld. In Madrid sind dies 54,90 Millionen für Lieferanten und Zulieferer und 98,5 Millionen für Transfers von Spielern. Auch hier handelt es sich um Zahlungen, die auf das gesamte Jahr aufgeteilt sind und so eine Überschneidung möglich ist.

Rechnungsabgrenzungsposten: 89,57 Millionen

Diese Rubrik dient einzig und allein um eine Periode zu bereinigen. Im Finanzbericht lautet dieser Wert insgesamt 89,57 Millionen und beinhaltet einige Zahlungen aus den unten angeführten Bereichen, die vor dem 30. Juli 2016 eingelangt sind, aber für die Saison 2016/17 gegolten haben. Daher mussten diese Beträge zurückgestellt werden und galten zum Zeitpunkt der Bilanz als Fremdkapital.

Einfach gesagt: Du bekommst einen Vorschuss von deinem Gehalt aus dem nächsten Monat. Du hast zwar jetzt Geld und kannst damit sogar auch schon was machen. Wenn man dich aber fragt, wie viel du in diesem Monat verdient hast, dann wirst du weiterhin dein Gehalt nennen und den Vorschuss nicht inkludieren.

Immerhin verdienst du im nächsten Monat ja auch weniger, da der Vorschuss abgerechnet wird. Ähnlich kann man es sich mit Rückstellungen vorstellen, weil man Real Madrid am 30. Juni gefragt hat wie es aussieht. Man markiert so die Einnahmen, die für das nächste Jahr erst gelten.

TV-Einnahmen 2,05 Millionen
Stadioneinnahmen 54,90 Millionen
Marketingeinnahmen 10,32 Millionen
Siegprämien 0,15 Millionen
Vorschüsse für erbrachte Leistungen 22,15 Millionen
Summe 89,57 Millionen

Man kann sich einig sein, dass diese rund 90 Millionen ein guter Wert sind, der nur eine „Schuld an sich selbst in der Zukunft“ darstellt und somit nicht zu den Schulden des Vereins gezählt werden kann.

Handel und andere Zahlungen: 210,04 Millionen

Hier scheinen vor allem die Prämien der Spieler und andere Transaktionen sport- oder nicht sportbezogen auf. Die Prämien der Spieler tauchen hier deshalb auf, da sie wieder einmal nicht vor dem 30. Juni abgehandelt werden, sondern im Juli der folgenden Saison. Damit rutscht wieder ein großer Millionenbetrag ins Fremdkapital.

Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen 61,47 Millionen
Sportliche Einrichtungen für Dienstleistungen 4,53 Millionen
Sportpersonal 138,75 Millionen
Sonstiges Personal 5,29 Millionen
Summe  210,04 Millionen

Man schuldet den Spielern mit Stichtag 30. Juni schlicht noch Prämien und Gehälter, die dann im Juli (also einen Monat später) bezahlt werden. Daher muss dieser Betrag in der Bilanz als Fremdkapital auftauchen, da er zu diesem Zeitpunkt noch nicht bezahlt ist.

Einzig welche Lieferungen und Leistungen im Wert von 61,47 Millionen hier noch nach dem 30. Juni bezahlt werden mussten bleibt eine Frage, die Real Madrid in den offiziellen Unterlagen nicht preis gibt.

Was ist nun also die Bruttoschuld?

Wir sehen also, dass diese 603 Millionen, die als Fremdkapital aufscheinen, natürlich gerne von Gegnern des Vereins als „Schulden“ bezeichnet werden und aufzeigen sollen, dass der Verein tief in der Kreide steht. Der Finanzbericht von Real Madrid gibt an, dass er nach dem spanischen Standard „Spanish GAAP“ die Bruttoschuld berechnet. Das ist die Summe von Bankschuld und anderen Verbindlichkeiten und beträgt somit „nur“ 235,3 Millionen.

Einfach gesagt: Fragt man dich als Madridista wie hoch die Schulden mit Stand 30. Juni 2016 sind, dann lautet die Antwort: “ 235,3 Millionen, aber das ist kein Problem bei uns.“ Warum, zeigen wir dir jetzt…

Wie rechnet sich die Nettoschuld?

Was für den Verein wirklich relevant ist, nennt sich Nettoschuld. Der Verein hat auch noch einige Möglichkeiten, diese Schulden zu „decken“, sollte wirklich alles schief gehen. Deshalb berechnet man die Nettoschuld als Indikator, wie gut es einem Verein geht.

Einfach gesagt: Das ist so als würde man Schulden bei einem Freund haben, dem man jeden Tag ein bisschen was zurückzahlt – aber nicht den vollen Betrag. Man hat jedoch genügend Geld unter der Matratze stecken, mit dem man ihm jederzeit einen Teil oder sogar alles zurückzahlen könnte. Dann hat man zwar Schulden bei ihm, aber so richtig nervös macht es einen nicht.

Die Nettoschuld berechnet sich nämlich so:

Bruttoschulden (235,3 Millionen) + Vorschüsse für erbrachte Leistungen (22,15 Millionen) – liquide Mittel (211,49 Millionen) – dem was andere Vereine noch für Spielertransfers schulden (58,36 Millionen) = -12,4 Millionen.

Da der Wert negativ ist, hat Real Madrid offiziell zum ersten Mal seit vielen Jahren nun keine Nettoschulden mehr. Real Madrid hatte 2009 noch eine Nettoschuld von 327 Millionen. Mit Stichtag 30. Juni 2016 hat es der Verein geschafft aus dieser Nettoschuld eine Nettoliquidität von 13 Millionen zu machen. Chapeau!

Einfach gesagt: Nettoliquidität heißt einfach, dass man nachdem man seine Schulden bezahlt hat, sogar noch 13 Millionen Euro herumliegen hat.

Es bedeutet aber auch, dass man sich 2009 durchaus einen Kader auf Pump zusammengestellt hat. Man konnte es sich aber auch schlicht „leisten“, da man als Umsatzkrösus in Europa in den darauffolgenden Jahren in der Lage war, diese Bürde zu stemmen und kontinuierlich zu verringern.

Was du aus dem Artikel mitnehmen kannst:

  • Das Gesamtkapital beträgt 1,045 Milliarden
  • Das Fremdkapital ist 603 Millionen
  • Die Bruttoschulden sind 235 Millionen
  • Man hat keine Nettoschulden mehr

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Marcos
Gast
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Sehr guter Artikel, der durchaus viel Licht ins Dunkeln bringt.
Danke hierfür!

Pirlo
Mitglied
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Jetzt ist nur die Frage, wo der Verein 13 Millionen einfach herumliegen hat.